FUSE – der Mini-Im-Ohr-Hörcomputer sofort zum Mitnehmen

Meine langjährigen Erfahrungen in der Beratung hörgeschädigter Personen brachte u.a. oft dieses Dilemma zutage: Die Meisten  (überwiegend Einsteiger) wollen kein HdO, sondern ein möglichst kleines, unsichtbar zu tragendes IdO. Es gibt viele Gründe, warum solch eine Lösung nicht optimal ist oder sogar überhaupt nicht geht. Die möchte ich hier nicht diskutieren. Es ist bloß generell ein Problem, wenn ein Kunde von dem Berater (der nunmal aber meist auch Verkäufer ist), von dem ursprünglichen Wunsch abgebracht werden muß, weil eine unverbindliche Ausprobe nur mit HdO geht. Das hemmt den mühsam nach vielen Jahren des Zögerns endlich erworbenen Schwung erheblich. So ist es der langjährige Wunsch vieler Akustiker, endlich auch IdOs vernünftig sofort zur Ausprobe anwenden zu können. Mit individuell gefertigten IdOs geht das ja nicht. Die Fertigung ist aufwendig, dauert i.A. ca. zwei Wochen (incl. Postwege) und ist betriebswirtschaftlich nicht mit Unverbindlichkeit vereinbar. Somit wird ein Interessent sofort zumindest moralisch gebunden, was neue Schwierigkeiten nach sich zieht. Es gab schon immer mal  irgendwie „rundgelutschte“ CIC-Probesystem, die aber um den Preis, daß sie in möglichst viele Gehörgänge passen sollen wiederum nirgends richtigen Halt fanden. Somit konnten wir sie zwar im Akustik-Studio erproben aber nicht mitgeben. Der Alltag des Interessenten ist aber die wirklich spannende Umgebung für die Erprobung. Fazit – alles schwierig.

Deshalb ist FUSE eine Revolution. Es ist ein extrem kleines Im-Ohr-System (CIC), paßt (u.a. durch eine elastische Gehäuse-Konstruktion) in fast jedes Ohr, ist nahezu unsichtbar in Trageposition und findet durch verschiedene „Schirmchen“, in jedem Gehörgang ausreichend Halt. Dadurch wird ein individuelles Gehäuse überflüssig. Dabei ist es sehr flexibel an die individuellen Kundenwünsche anpaßbar und bis zu mittlere Hörverluste geeignet. Durch die sehr schlanke Bauform kann eine  offene Anpassung realisiert werden. Somit kann der gefürchtete Verschlußeffekt weitesgehend vermieden werden. Durch eine sehr leistungsfähige Rückkopplungsunterdrückung und Anwendung von Power-Schirmchen können aber auch breitbandig mittlere Hörverluste bis ca. 60 dB versorgt werden. Es ist in drei Qualitätsstufen (Latitude-8, Latitude-16, Passport) von guter Mittelklasse bis Premium verfügbar, arbeitet vollautomatisch, hat Situationserkennung und ist dazu noch fernsteuerbar. Es  kann sofort nach der Probeanpassung mitgenommen werden.

Wer gut damit zurecht kommt, kann eine Preisvorteil gegenüber individuell gefertigten IdOs erwarten, da ja die individuelle Fertigung wegfällt.

Wir erproben seit einigen Wochen mit sehr gutem Erfolg intensiv dieses Produkt. Der Hersteller erhofft sich natürlich einen Verkauf in großer Zahl. Ich sehe da einige Schwierigkeiten:

– Das Gerät ist sehr klein – für Hochbetagte eher ungeeignet.

– Die Laufzeit der 10er Batterie ist relativ kurz. Das wird auf Dauer teuer.

– Viele beklagen ein Jucken wegen der Schirmchen.

– Rückkopplungen durch mangelnde Abdichtung bremsen die Technik aus.

– Die kurze Lebensdauer der Schirmchen wird erhöhte Folgekosten auslösen.

– Die Systeme erscheinen weniger robust im Vergleich zu Standard-IdOs.

– Die Hygiene stellt erheblich höhere Anforderungen an den Benutzer.

Ich bin begeistert wegen der tollen Ausprobemöglichkeiten, erwarte aber, daß ein Großteil der Testpersonen anschließend ein individuell gebautes IdO bestellen werden. Das führt dann zwar nicht zu den erhofften Verkaufsstückzahlen von FUSE, aber trotzdem für den Hersteller, den Akustiker und den Kunden zu einem bisher nicht erzielbaren Erfolg.

Mein Tipp: Unbedingt ausprobieren, wenn Sie als Einsteiger ungern ein HdO benutzen möchten.
Für junge Leute mit geringem Hörverlust und passenden Gehörgängen sehr interessant.

Roland Timmel

Roland Timmel

Hörgeräteakustikermeister bei Hörgeräte Dr. Timmel
Hallo, ich bin Roland Timmel – Dr.-Ing. für Technische Akustik und selbständiger Hörgeräteakustikermeister in Neustrelitz (Mecklenburg).
Roland Timmel

Letzte Artikel von Roland Timmel (Alle anzeigen)

6 Kommentare zu “FUSE – der Mini-Im-Ohr-Hörcomputer sofort zum Mitnehmen

  1. Welche vergleichbaren imOhr Geräte ohne Zuzahlung sind augenblicklich auf dem Markt? Ich möchte vor dem Kauf eine Vergleichsmöglichkeit nutzen,

    1. Hallo Herr Jacobs,
      die Kassenzuschüsse sind sehr knapp bemessen, da sie ja Beratung, Lieferung und 6 Jahre Betreuung umfassen und reichen nur für relativ einfache HdOs (robuste Serienprodukte). IdOs sind i.d.R. individuell gefertigt (Aufwand!) und empfindlicher, d.h. reparaturanfälliger. Deswegen gibt´s meines Wissens nach in der Branche keine seriösen IdO-Angebote ohne private Zuzahlung. Die Fuse sind nicht mehr im Programm – wurden ja 2009 präsentiert.
      MfG Roland Timmel

  2. Danke für diese kritischen Worte. Ich habe zwei Geräte zur Probe getragen. Die auftetende Rückkopplung war nicht zu ertragen. Piep-und Zwitschergeräusche beim Kauen oder sonstiger Kieferbewegung. Passage enger Durchgänge löste auch eine Rückkopplung aus, ebenso bestimmte Töne von Klaviermusik im Fernsehen. Das Entfernen der Geräte war schwierig, da der kleine Faden nicht zu fassen war. Ich werde mich wohl für ein HdO Gerät entscheiden

    1. Wir haben seit Herbst viel Erfahrungen mit Phonak AudeoZip machen können. Die sind etwas besser. Grundsätzlich empfehlen wir aber individuell gebaute Mini-IdOs, wenn es mit den kleinen Testgeräten wenigstens leidlich ging. Dort können alle Ihre Probleme i.d.R. vermieden werden. Natürlich können Sie in jedem Fall ein HdO nehmen. Allerdings kann es dort andere Unanehmlichkeiten geben. Besprechen Sie das offen mit Ihrem Akustiker! Viel Erfolg! Roland Timmel

  3. Danke, der Beitrag hilft mir, meine Mutter zu beraten. Ihr wurde vom Hörakustiker dieses Gerät zur Probe gegeben.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.